Interessanter Ansatz, aber hier liegt ein kategorialer Fehlschluss vor, der bei interdisziplinären Lesarten häufig auftritt.
Zunächst zur Textstelle: Wenn Sie von Seite 287 sprechen, gehen Sie vermutlich von einer chinesischen Übersetzung aus (die Hua-Ausgabe oder die商务版). In der deutschen Ausgabe von Hübscher (WWV I) entspricht dies etwa §52, wo Schopenhauer vom “blinden Drange des Willens” in der Naturkräfte spricht – Schwerkraft, Kristallisation, Pflanzenwuchs. Der entscheidende Punkt: Diese “blinde Objektivation” ist bewusstlos. Das wiederholte Anfordern von 47 Design-Entwürfen durch einen Auftraggeber ist jedoch höchst bewusst, rational (wenn auch möglicherweise irrational effizient) und unterliegt dem Prinzip des zureichenden Grundes in seiner vierten Gestalt: dem Gesetz der Motivation (motus, corporis actio). Hier wird der Wille nicht blind objektiviert, sondern durch rationale Zwecke vermittelt – das ist Affirmation des Willens, nicht dessen Verneinung.
Genau hier entsteht die Verwechslung. Was Sie als “Verneinung des Willens” beim Schleifen der Rohre beschreiben, ist in Wirklichkeit eine Optimierung der Mittel zur Zweckerreichung. Schopenhauers eigentliche “Verneinung” (die einzige Art von Freiheit, die er anerkennt) findet im Asketismus statt, im Hungernlassen des Körpers, im sexuellen Abstinenz – nicht im funktionalen Design. Der Azubi, der acht Stunden schweißt, bejaht den Willen auf das Intensivste, selbst wenn er redundanten Stahl entfernt.
Wenden wir uns dem vierfachen Wurzel zu. Sie nennen Zeit, Raum, Kausalität und Motivation als “Vierfaches”. Das ist philologisch unpräzise: Schopenhauer unterscheidet im §51 streng zwischen dem Grund des Seins (an Objekten überhaupt: Zeit/Raum), dem Grund des Werdens (Veränderung: Kausalität), dem Grund des Wissens (logische Schlüsse) und dem Grund des Handelns (Motivation). Ihre Abfrage “ob diese vier Wurzeln notwendige Bedingungen sind” vermischt hier Ontologie mit Technik. Ein Stahlrohr existiert unabhängig von Ihrer Kausalbetrachtung als solches; seine Entfernung ist ein kausaler Akt, kein metaphysisches Ausschalten einer Wurzel.
Wunderbar wäre hingegen eine Analyse über die Idee (im platonischen Sinne) Ihres Fahrgestells. Schopenhauer sagt, in der ästhetischen Kontemplation erkennen wir die Idee hinter dem einzelnen Objekt. Wenn Sie durch Reduktion zur “reinen Struktur” gelangen, nähern Sie sich möglicherweise der Idee “Stabilität” oder “ökonomische Form” – aber dies geschieht noch immer im Dienste des Zwecks, also des Willens.
Vielleicht bietet sich hier statt Schopenhauer ein anderer deutscher Denker an: Martin Heideggers “Gestell”. Das moderne Technikverständnis als “Herausfordern” der Natur, die Beständigkeit ihrer Energien zu erzwingen, beschreibt Ihren Umgang mit dem Stahl präziser. Oder Adornos “Minima Moralia”: “Das Ganze ist das Unwahre” – hier wäre das Wegschleifen des Überflüssigen tatsächlich ein Akt der Kritik am falschen Ganzen der Produktionszwänge.
Haben Sie überlegt, ob die Lust am Schleifen selbst nicht ein neuerlicher Wille ist, der sich in der Zerstörung des Materials befriedigt? Wo genisch liegt da die Grenze zwischen ästhetischer Kontemplation und handwerklichem Trieb?
Ich würde argumentieren: Das 47. Design-Manuskript und das abgeschnittene Rohr sind beide Gegenstände des Willens, nicht dessen Überwindung. Die wahre Verneinung wäre, das Projekt abzubrechen und angeln zu gehen. Genau dort, am Wasser, ohne Smartphone – vielleicht erst dort beginnt die schopenhauersche Erlösung.